ADV e-Government Konferenz 2026: Digitale Souveränität wird zur praktischen Gestaltungsaufgabe

Am 29. und 30. Juni 2026 wurde das Congress Center Villach zum Treffpunkt für jene, die Österreichs digitale Verwaltung aktiv weiterentwickeln. Unter dem Leitmotiv „Wir legen die Schienen für digitale Souveränität“ diskutierten Vertreter:innen aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie über eine Frage, die sich wie ein roter Faden durch beide Konferenztage zog: Wie bleibt der Staat im digitalen Raum handlungsfähig?

Die Antworten darauf fielen bewusst nicht eindimensional aus. Digitale Souveränität wurde nicht als Abschottung verstanden, sondern als Fähigkeit, Abhängigkeiten zu erkennen, Architekturentscheidungen bewusst zu treffen, Daten und Prozesse kontrollierbar zu halten und neue Technologien wie Künstliche Intelligenz verantwortungsvoll in die Verwaltungspraxis zu bringen.

Schon die Keynotes machten deutlich, wie breit dieses Thema angelegt ist. Dr. Markus Richter (Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, Deutschland) sprach über digitale Souveränität als Staatsaufgabe. Dr. Klaus Schneider (ÖBB) brachte mit der Koralmbahn ein Infrastrukturprojekt auf die Bühne, das gut zum Konferenzmotto passte: Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo langfristige Planung, belastbare Grundlagen und konkrete Umsetzung zusammenfinden.

Digitale Souveränität: Vom Schlagwort zur Steuerungsaufgabe

Ein zentraler Konferenzstrang widmete sich der Frage, wie digitale Souveränität für die öffentliche Verwaltung praktisch greifbar wird. Patricia Grimm-Hajek (Bundeskanzleramt / BKA) zeigte mit dem Self-Assessment für die öffentliche Verwaltung einen Zugang, der Souveränität nicht nur technisch, sondern strategisch betrachtet. Es geht um Kompetenzen, Governance, Beschaffung, Daten, Architektur, Organisation und die Fähigkeit, langfristig handlungsfähig zu bleiben.

Gemeinsam mit Peter Reichstädter (Parlamentsdirektion, CIO des österreichischen Parlaments) führte Grimm-Hajek diesen Gedanken weiter: Digitale Souveränität entsteht nicht in einzelnen Organisationen, sondern im Zusammenspiel von Bund, Ländern, Gemeinden und europäischen Partnern. Gemeinsame Begriffe, gemeinsame Zielbilder und eine klare Einschätzung kritischer Abhängigkeiten werden damit selbst zu Bausteinen moderner Verwaltungssteuerung.

Klemens Himpele (CIO der Stadt Wien) rückte digitale Souveränität ebenfalls als gemeinsame Gestaltungsaufgabe in den Mittelpunkt. Entscheidend ist nicht maximale Autarkie, sondern die Fähigkeit, Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen, Risiken zu bewerten und digitale Systeme langfristig weiterzuentwickeln.

Dieser Gedanke wurde in mehreren Architektur- und Cloud-Beiträgen konkret. Louisa Solonar-Unterasinger (Hessisches Ministerium für Digitalisierung und Innovation) zeigte, warum Multi-Cloud und Wechselfähigkeit in der öffentlichen Verwaltung mehr sind als technische Detailfragen. Peter Uher (A1) verknüpfte souveräne Cloud-Lösungen mit kontrollierbaren Betriebsmodellen. Andreas Bruckmüller (Red Hat) argumentierte, dass Open Source, Hybrid Cloud und KI zusammengedacht werden müssen, wenn europäische Handlungsfähigkeit nicht nur behauptet, sondern technisch abgesichert werden soll.

Auch Jörg Steinbauer (BearingPoint) setzte genau hier an: Digitale Souveränität ist keine Symboldebatte, sondern zeigt sich in konkreter Handlungsfähigkeit. Wer geschäftskritische Anwendungen nicht gestalten, betreiben, auditieren oder migrieren kann, verliert auf Dauer strategischen Spielraum. Alexander Griesser (Anexia Cloud Solutions) ergänzte diesen Blick um die Frage, wer eigentlich das eGov-Fundament kontrolliert: Infrastruktur, Plattformen, Lizenzen, Betriebsmodelle, Exit-Strategien und Kosten werden dort zu strategischen Faktoren, wo öffentliche Services dauerhaft funktionieren müssen.

KI in der Verwaltung: Von Pilotprojekten zu gemeinsamen Plattformen

Kaum ein Thema war auf der ADV e-Government Konferenz 2026 so präsent wie Künstliche Intelligenz. Auffällig war dabei: Die Diskussion drehte sich nicht mehr um die Frage, ob KI in der Verwaltung grundsätzlich sinnvoll ist. Im Zentrum stand vielmehr, wie KI sicher, nachvollziehbar, skalierbar und organisatorisch tragfähig eingesetzt werden kann.

Gerald Leitner und Christoph-Oliver Lang (Bundesrechenzentrum / BRZ) präsentierten mit LLMaaS einen Zugang, bei dem Large Language Models als sichere, skalierbare und gemeinsam nutzbare Infrastruktur für die öffentliche Verwaltung gedacht werden. Die Public AI Initiative, vorgestellt von Wolfgang Wisek und Clemens Denner (Bundeskanzleramt / BKA), griff diesen Plattformgedanken auf: Statt vieler isolierter KI-Einzelprojekte braucht es gemeinsame Grundlagen, Governance und wiederverwendbare Bausteine.

Wie solche Bausteine in der Praxis aussehen können, zeigte Christian Inzko (CDO/CIO Land Kärnten) mit seinen Erfahrungen zu KärntenGPT, Voicebots und KI-gestützten Verwaltungsprozessen. Der Ansatz ist bewusst pragmatisch: KI soll dort eingesetzt werden, wo sie Mitarbeitende entlastet, Wissen schneller verfügbar macht und Verfahren unterstützt, ohne menschliche Verantwortung zu ersetzen.

Besonders gut passte dazu der Beitrag von Herbert Wagger (INTRANET Software & Consulting GmbH / BubbleGPT). Unter dem Titel „Von KärntenGPT zu skalierbaren Services für Länder, Bezirksverwaltungsbehörden und Gemeinden“ stellte er nicht ein weiteres isoliertes KI-Tool vor, sondern einen Verwaltungs-KI-Baukasten. Die Leitidee: Wiederverwendbare Plattformbausteine sollen lokale Anforderungen, föderale Strukturen und gemeinsame Services miteinander verbinden.

Dieser Baukasten trennt klar zwischen mehreren Ebenen: einer Modell- und Infrastrukturebene, einem Plattform-Layer mit Komponenten wie Bubble RAG, Vektor-Datenbank, Audit Log und LLM-Gateway, einem Prozess-Layer mit Multi-Agenten, Human-in-the-Loop Control Center und Schnittstellen zu SAP, DMS oder elektronischem Akt sowie einem Service-Layer mit Gemeinde-Assistent, Förderagent, Rechts- und Prozesswissen oder Bürger-Webassistent. Genau diese Trennung macht den Ansatz spannend: Nicht jeder Anwendungsfall muss neu erfunden werden, sondern lokale Wissensräume und Prozesse können auf einem gemeinsamen Kern aufsetzen.

Konkrete Beispiele zeigten, wie ein solcher Ansatz in Gemeinden wirken kann. Ein Assistent zur Gemeindeordnung unterstützt bei Fragen zu Zuständigkeiten, Fristen, Organen und Abläufen – mit sichtbaren Quellen und Paragraphen, aber ohne Rechtsentscheidung zu ersetzen. Ein Bürger-Webassistent wiederum kann geprüfte Gemeindeinformationen zugänglich machen, wiederkehrende Fragen beantworten und zu Formularen, Kontaktstellen oder Terminen weiterleiten.

Der nächste Reifegrad liegt in agentischen Prozessen: Beim Förder- oder Antragsprozess kann KI Dokumente verstehen, Inhalte per OCR extrahieren, Regeln prüfen, Rückfragen vorbereiten und die Übergabe an Fachsysteme unterstützen. Entscheidend bleibt dabei der Human-in-the-Loop: KI bereitet vor, die Verwaltung entscheidet nachvollziehbar und auditierbar.

KI sicher einsetzen: Validierung, Cyber-Testing und Verantwortung

Mit zunehmender Produktivität steigen auch die Anforderungen an Sicherheit, Prüfung und Governance. Wolfgang Prentner (Bundeskammer für Ziviltechniker:innen, staatlich befugter und beeideter IT-Ziviltechniker) machte in seinem Vortrag „KI-Applikationen auf dem Prüfstand“ deutlich, warum klassische Sicherheitslogiken bei LLM-Anwendungen nicht ausreichen. Anders als traditionelle Software trennen Large Language Models Steuerbefehle und Nutzerdaten nicht eindeutig – für das Modell ist zunächst alles Text.

Damit entstehen neue Angriffsszenarien: Prompt Injection, Sensitive Information Disclosure, Supply-Chain-Risiken, Model Denial of Service oder Training Data Poisoning. Besonders anschaulich wurde Prompt Injection beschrieben: Angreifer:innen können Sicherheitsbarrieren über Rollenspiele, manipulierte RAG-Dokumente, alternative Codierungen oder sogar sprachliche Muster wie Gedichtform umgehen.

Der Beitrag zeigte aber auch, dass KI-Sicherheit prüfbar gemacht werden kann. Genannt wurden etwa KI-Firewalls, regelmäßige Penetrationstests, Sicherheitsaudits, Red Teaming, Quellenprüfung für RAG-Systeme, Rate Limiting gegen Denial-of-Wallet-Angriffe sowie eine strikte Kontrolle von Modellen, Datenquellen und Lieferketten. In einem Praxisbeispiel wurden LLM-Applikationen sowohl auf Modell-Ebene als auch im Rahmen klassischer Cyber-Security-Tests geprüft – inklusive Risiken wie Prompt Injection durch manipulierte PDFs, unsicherem Output Handling, gefährlichen Dateiuploads oder unsicherer CORS-Konfiguration.

Auch Dr. S. Cathrin von Hesler (Know Center Research, Site Manager Vienna) griff das Thema Vertrauenswürdigkeit auf. Ihr Beitrag zum Gütesiegel für verantwortungsvollen KI-Einsatz in der Verwaltung zeigte: Vertrauen entsteht nicht durch Behauptung, sondern durch überprüfbare Kriterien. Datenschutz, Transparenz, Fairness, menschliche Aufsicht, Sicherheit, digitale Souveränität und Nachhaltigkeit werden damit zu messbaren Anforderungen an KI-Systeme.

Konrad Linner (lightmydata) ergänzte diesen Blick aus Governance- und Haftungsperspektive. Mit dem EU AI Act wird für Organisationen wichtiger, welche Rolle sie im KI-Einsatz einnehmen: Anbieter, Betreiber, Importeur oder Distributor. Daraus ergeben sich unterschiedliche Pflichten bei Dokumentation, Risikobewertung, Human Oversight und Konformität.

Umsetzung & Delivery: Digitale Verwaltung muss im Alltag funktionieren

Ein starker Teil der Konferenz lag auf konkreten digitalen Services und Verfahren. Hier wurde besonders deutlich, dass digitale Souveränität nicht nur in Strategiepapieren entsteht, sondern in Verfahren, die Bürger:innen, Unternehmen und Verwaltung spürbar entlasten.

Markus Mayer (MAI Digitalberatung) und Gideon Ladenhauf-Kleindienst (Bundesrechenzentrum / BRZ) zeigten mit JustizOnline, wie digitale Justiz bedürfnisorientiert gestaltet werden kann. Es geht nicht nur darum, Verfahren online verfügbar zu machen, sondern Zielgruppen durch komplexe Abläufe zu begleiten. Philipp Strokosch (Fabasoft) und Christoph Zech (Land Vorarlberg) präsentierten mit mein.vorarlberg.at ein modernes Bürgerservice-Portal, bei dem Low-Code/No-Code-Ansätze, digitale Services und Nutzer:innenorientierung zusammenspielen.

Christina Hametner-Dieß und Marlene Schmalzer (Land Oberösterreich) stellten mit EPA-OÖ eine Einreicheplattform für projektbezogene Antragsverfahren vor. Der Fokus liegt auf strukturierten Informationen, Registeranbindungen und einer besseren Zusammenarbeit zwischen Antragstellenden, Behörden und Beteiligten. Martin Riederer (Land Niederösterreich) zeigte am Beispiel der digitalen Katastrophenbeihilfe, warum digitale Verfahren gerade im Ernstfall belastbar, nachvollziehbar und schnell funktionieren müssen.

Ein besonders greifbares Beispiel kam von Klaus Stranacher (Land Steiermark, Abteilung 1 – Organisation und Informationstechnik). In seinem Beitrag „Elektronische Vidierung: eine Grenzerfahrung?“ ging es um die Frage, wie behördliche Nachweise, dass bestimmte Unterlagen offizieller Bestandteil eines Bescheids sind, digital abgebildet werden können. Im analogen Verfahren verursachen mehrfach einzubringende Unterlagen, großformatige Pläne, mühsame Archivierung und postalische Zustellung erheblichen Aufwand. Das Steiermärkische Digitalisierungsgesetz 2025 schafft hier eine Grundlage für elektronischen Verkehr und einfache elektronische Einbringung.

Die Umsetzung nutzt bestehende Amtssignatur-Infrastruktur für PDF/A-Dokumente. Ergänzende Informationen zur Vidierung werden im Signaturstempel abgebildet, etwa die bescheidausstellende Behörde, das Genehmigungsdatum und das Geschäftszeichen aus dem Fabasoft ELAK. Gerade die Folien machten aber klar, dass Digitalisierung hier nicht einfach „Papier plus Signatur“ bedeutet. Problemfelder entstehen unter anderem bei PDF/A-Konvertierung, passwortgeschützten Dateien, komplexen PDF-Strukturen, Attachments, Signaturtypen, Dokumentgrößen, Zustellgrenzen und Mehrparteienverfahren. In einem Musterverfahren im Abfallrecht konnten 13 von 15 Dokumenten erfolgreich nach PDF/A konvertiert und anschließend vidiert werden – ein gutes Beispiel dafür, dass digitale Verfahren praktisch lösbar sind, aber sorgfältig vorbereitet werden müssen.

Auch Caroline Atzmüller (Land Salzburg, Referat Agrarrecht, Arbeitsinspektion und Konsumentenschutz) zeigte, wie spezifisch Verwaltungsdigitalisierung werden kann. Ihr Vortrag zur Transkription von Regulierungsurkunden führte in einen Bereich, der auf den ersten Blick historisch wirkt, aber bis heute verwaltungsrelevant ist. Regulierungsurkunden dokumentieren unter anderem Einforstungsrechte, Holz- und Streubezüge, Weiderechte und weitere Nebenrechte landwirtschaftlicher Liegenschaften. Das Projekt des Landes Salzburg umfasst die Digitalisierung dieser Urkunden mit Buchscanner, eine Marktanalyse zu KI-gestützter Texterkennung, die Zusammenarbeit mit der Österreichischen Bundesforste AG und die Beauftragung der READ-COOP SCE als Betreiberin der Plattform Transkribus.

Damit zeigt sich ein wiederkehrendes Muster der Konferenz: Digitalisierung beginnt oft an sehr konkreten Fachproblemen. Handschriftliche historische Dokumente, komplexe Pläne, große PDF-Dateien oder behördliche Nachweise sind keine Randthemen. Sie entscheiden darüber, ob digitale Verfahren vollständig, rechtssicher und effizient abgewickelt werden können.

Sensorgestützte Parkraumüberwachung: Scan Cars als Beispiel für datengetriebenen Vollzug

Einen praxisnahen Einblick in urbane Verwaltungsdigitalisierung gaben Sarah Tomsik und Stefanie Schnell (Stadt Wien / MA 67 – Parkraumüberwachung) mit dem Vortrag „Sensorgestützte Parkraumüberwachung – Scan Cars“. Die Dimension ist beachtlich: Die MA 67 überwacht in Wien die flächendeckende Kurzparkzone, den ruhenden Verkehr und damit verbundene Verwaltungsstrafverfahren. 2025 wurden rund 54 Millionen Fahrzeugkontrollen durchgeführt.

Mit rund 430.000 parkraumbewirtschafteten Stellplätzen, etwa 550 Überwachungsorganen und rund 1 Million Kontrollen pro Woche ist Parkraumüberwachung längst ein datenintensiver Verwaltungsbereich. Digitale Grundlagen wie PÜGIS, die GIS-gestützte MA 67-App, und OCR-basierte Kennzeichenabfragen unterstützen bereits heute Innen- und Außendienst.

Ab Ende 2026 sollen Scan Cars diesen Vollzug weiter unterstützen. Zum Einsatz kommen Elektrofahrzeuge des Typs Skoda Elroq; den Zuschlag für das Kontrollsystem erhielt CPB Software (Austria) GmbH. Ziel ist eine schnellere, häufigere und effizientere Kontrolle – insbesondere in Bereichen mit langen Fußwegen oder geringerer Kontrolldichte.

Der Ablauf bleibt kontrolliert: Die Sensoren werden erst im Kontrollgebiet aktiviert, potenzielle Beanstandungen werden automatisiert erkannt, aber anschließend durch ein Kontrollorgan geprüft. Damit ersetzt Digitalisierung nicht die fachliche Verantwortung, sondern unterstützt einen schnelleren und nachvollziehbareren Vollzug.

Von Legacy zu Mobile-First: CAIROS als Beispiel für grenzüberschreitende Verwaltungsmodernisierung

Wolfgang Pichler (DVT Daten Verarbeitung Tirol / Land Tirol) präsentierte mit CAIROS ein INTERREG-Projekt der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Ziel ist die Harmonisierung von Arbeitsabläufen innerhalb der Lawinenkommissionen. Zentrale Bestandteile sind einheitliche Ausbildungsstandards, ein Lawinenmodell und eine moderne Softwarelösung inklusive Smartphone-App RISK.

Die Ausgangslage zeigt, wie viele Verwaltungsbereiche mit gewachsenen Legacy-Systemen arbeiten. Das Vorgängersystem LWDKIP stammt aus einem INTERREG-Projekt 2005/06, ist in Tirol und seit 2009 auch in Südtirol im Einsatz, ermöglicht transparente Protokollierung und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen, ist technisch aber in die Jahre gekommen.

CAIROS bringt diesen Anwendungsfall in eine neue Generation: mit moderner Authentifizierung über ID Austria, EU-Login, SPID oder CIE, mit alternativen niederschwelligen Zugängen über den Digital Service Tirol und mit Autorisierung innerhalb der Applikation. Damit wird ein Fachverfahren nicht nur modernisiert, sondern zugleich europäisch anschlussfähig gemacht.

Digitale Identitäten, Wallets und Nachweise: Das Fundament durchgängiger Verfahren

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf digitalen Identitäten und Nachweisen. Bettina Gastecker, Martin Nemec und Sebastian Klapper (Bundeskanzleramt / BKA) gaben Einblicke in aktuelle Entwicklungen rund um ID Austria, eAusweise und eZustellung. Arne Tauber (A-SIT) zeigte mit Altersverifikation, warum ein einfacher Klick in vielen digitalen Kontexten nicht mehr ausreicht.

Roland Sigmund (Bundeskanzleramt / BKA) stellte digitale Unternehmensidentitäten als Schlüssel zur modernen Verwaltung vor. Gerade im Unternehmenskontext reicht die Identität einer natürlichen Person nicht aus. Entscheidend ist, ob jemand im Namen eines Unternehmens handeln darf, welche Vertretungsbefugnisse bestehen und welche Rollen im konkreten Verfahren relevant sind. Das Unternehmensserviceportal verbindet diese Ebenen und schafft damit eine Grundlage für rechtssichere digitale Verfahren zwischen Wirtschaft und Verwaltung.

Manuela Dobeiner (Bundeskanzleramt / BKA) ordnete die European Business Wallet ein, Markus Vesely (A-Trust) zeigte die Rolle von Vertrauensdiensteanbietern im Kontext von EUDI Wallet, Business Wallet und digitaler Souveränität made in Austria. Björn Lellmann (Bundeskanzleramt / BKA) ergänzte die europäische Perspektive mit dem SDG Once-Only Technical System und dem österreichischen Nachweisservice.

Once Only und dadeX: Wenn Daten nicht mehrfach geliefert werden müssen

Wolfgang Zartler (Bundeskanzleramt / BKA, Abteilung E-Government Unternehmen) zeigte mit Once Only erfolgreiche Beispiele kooperativer Zusammenarbeit. Der zentrale Gedanke ist einfach, aber verwaltungspraktisch enorm wirksam: Informationen und Nachweise sollen nicht immer wieder neu von Bürger:innen oder Unternehmen verlangt werden, wenn sie der Verwaltung bereits vorliegen.

Die Umsetzung stützt sich auf drei Säulen: dadeX als Datenaustauschkomponente, die IVDB als Informationsverpflichtungsdatenbank und konkrete Use Cases, die zeigen, welchen praktischen Nutzen das Once-Only-Prinzip entfaltet. dadeX funktioniert dabei als Datendrehscheibe zwischen Data Providern und Data Consumern. Wichtig: Es geht um Datenaustausch, nicht um zentrale Datenspeicherung. dadeX tritt als Erfüllungsgehilfe im Rahmen der Auftrags- und Datenverarbeitung auf.

Der aktuelle Status macht die Dimension sichtbar: 21 Millionen produktive Transaktionen pro Jahr via dadeX, 21 umgesetzte Use Cases, 33 angebundene Register, 16 verfügbare SDG-Nachweise und über 150 Schnittstellen. Rund 20 weitere Use Cases sind in Bearbeitung, dadeX wird aktuell als offizieller E-Government-Baustein etabliert.

Besonders anschaulich wurde der Use Case Kindergarten-Beitragsförderung der Stadt Graz. Im alten Prozess mussten Eltern Termine vereinbaren, Einkommensnachweise beibringen und postalische Benachrichtigungen abwarten. Im neuen Prozess befüllen Eltern ein intelligentes E-Government-Formular, Einkommensdaten werden mit Zustimmung über dadeX aus der Transparenzdatenbank abgefragt, und die Benachrichtigung erfolgt per E-Mail. Damit entfallen persönliche Termine, manuelle Nachweisprüfung und Teile der postalischen Kommunikation.

Zartler machte aber auch klar, dass Once Only kein reines Technikprojekt ist. Erfolgsfaktoren sind strukturiertes Vorgehen, klares Prozessdenken, Governance, Verantwortlichkeiten, stufenweise Ausrollung, Kooperation mit Registerbetreibern und Commitment der Data Consumer. Hemmnisse liegen unter anderem in rechtlichen Grundlagen, Ressourcenknappheit, Datenqualität, fehlenden Metadatenstandards, fehlenden Testdaten und uneinheitlichen Schnittstellen.

Beschaffung, Ressourcenbündelung und Kooperation

Dass digitale Verwaltung auch an Beschaffungs- und Kooperationsprozessen hängt, zeigte der Beitrag von Oliver Klein und Elmar Ehm (Bundesbeschaffung GmbH / BBG). Unter dem Titel „Von der Bedarfsmeldung bis zur Beauftragung“ gaben sie einen praxisnahen Einblick, wie öffentliche Beschaffung einfacher genutzt werden kann. Die BBG positioniert sich dabei nicht nur als Vertragsentwickler, sondern als Einkaufsdienstleister und Lösungspartner für Beschaffungsfragen.

Besonders relevant ist das breite Portfolio: IT & Telekommunikation, Energie, Mobilität, Gebäudebetrieb und Dienstleistungen zählen zu den großen Beschaffungsbereichen. Der e-Shop, Abrufmodalitäten, Kaskadenmodelle und Direktvergabeplattformen sollen Einrichtungen dabei unterstützen, Bedarfsmeldung, Auswahl und Beauftragung rechtssicher und effizienter abzuwickeln.

Im größeren Konferenzkontext fügt sich dieser Beitrag gut in den Strang Zusammenarbeit & Ressourcenbündelung ein. Bernhard Gerhardter (Land Niederösterreich) zeigte mit der digiWERKSTATT einen Gemeinde-Hackathon als Kooperationsmodell für Innovation. Alexander Gutsch und Klaus Neumayr (Land Tirol) machten mit „Klare Sicht“ deutlich, wie gemeinsam genutzte Verwaltungsinfrastruktur im Alltag wirkt: Über die Anwendung VSTV Anzeigen bundesweit und einen Beweismittelserver können Fotos und Beweismittel für Verkehrsstrafverfahren zentraler und nachvollziehbarer bereitgestellt werden.

Sicherheit, Kommunikation und kritische Infrastruktur

Digitale Souveränität ist ohne Sicherheit nicht denkbar. Das zeigte sich nicht nur bei KI-Systemen, sondern auch bei Identitäten, Kommunikation, Cloud, E-Mail und privilegierten Zugriffen.

Alexander Stadler, Johannes Keller und Bernhard Kammerstetter (Austro Control / IBM) zeigten mit Privileged Access Management in der Austro Control, wie kritische Systeme kontrolliert, privilegierte Konten verwaltet und Zugriffe nachvollziehbar protokolliert werden können. Austro Control ist als österreichische Flugsicherung und Luftfahrtbehörde für den sicheren Ablauf des Flugverkehrs im österreichischen Luftraum verantwortlich – entsprechend hoch sind die Anforderungen an Rollen, Verantwortlichkeiten, Compliance und Auditierbarkeit.

Der Beitrag machte deutlich: Weniger Passwörter bedeuten nicht weniger Kontrolle, sondern im besten Fall mehr Transparenz. PAM schützt kritische Systeme, definiert privilegierte Nutzer:innen, dokumentiert Genehmigungen und unterstützt Audits. Die Umsetzung verbindet Automatisierung mit menschlichen Control Gates und einem Defense-in-Depth-Ansatz.

Auch Christian Rinner (CANCOM Austria) und Roman Stadlmair (SEPPmail Deutschland) zeigten, dass E-Mail-Kommunikation ein unterschätzter Faktor digitaler Souveränität ist. Wer geschäftliche E-Mails kontrolliert, beeinflusst Zustellung, Reputation, Archivierung, Datenschutz und Verfügbarkeit. Franz Ziegerhofer (Cisco) richtete den Blick auf sichere Kommunikation und Netzwerke in Zeiten von Souveränität, Mythos und Agenten.

Das Panel „Resiliente Nation“, moderiert von Paul Prihoda (ADV), brachte mit Harald Kräuter (ORF), Roland Ledinger (Bundesrechenzentrum / BRZ), Oberst Daniel Hikes-Wurm (BMLV) und Thomas Zapf (Verbund Digital Power) zentrale Akteure aus Staat, Medien, Verteidigung und Versorgung zusammen. Die Diskussion machte sichtbar, dass digitale Resilienz nicht an Organisationsgrenzen endet. Kritische Infrastruktur, Medien, Energieversorgung, Kommunikation und staatliche Handlungsfähigkeit sind eng miteinander verbunden.

Digitale Kompetenzen und Kommunikation: Transformation ist Menschenarbeit

Ein weiterer Strang der Konferenz widmete sich digitalen Kompetenzen und Kommunikation. Karim El-Siginy (EY) und Wolfgang Wisek (Bundeskanzleramt / BKA) stellten Digital Austria als Plattform für Österreichs digitale Modernisierung vor. Der Beitrag zum Digital Skills Barometer von Paul Prihoda (ADV) & Hans Greiner (Cisco) verband Digital Mindset und digitale Souveränität mit Kompetenzen für eine resiliente, KI-geprägte Zukunft.

Isabella Gassama-Luschin (Bundeskanzleramt / BKA) zeigte mit dem Aktionsplan KI-Kompetenzen und She goes AI, dass KI-Kompetenz breit aufgebaut werden muss. Gerade die Stärkung von Frauen in der KI ist nicht nur eine Frage der Repräsentation, sondern auch der Qualität: Je vielfältiger Perspektiven in Entwicklung, Bewertung und Anwendung von KI-Systemen einfließen, desto tragfähiger werden die Ergebnisse.

Gerhard Friedrich (360PM Dr. Friedrich und Partner KG) brachte die kommunikative Dimension auf den Punkt: Das Missverständnis ist der Normalzustand. Erfolgreiche Digitalisierungsprojekte brauchen daher nicht einfach mehr Abstimmung, sondern bessere Übersetzung zwischen Fachbereichen, IT, Management und Nutzer:innen.

Auch Robin Heilig (Stadt Wien – Wiener Wohnen) traf mit seinem Beitrag „Die Rüstung wird am Eingang abgegeben“ einen Nerv. Digitale Transformation gelingt dort leichter, wo Beteiligte nicht zuerst ihre Zuständigkeitsgrenzen verteidigen, sondern gemeinsame Lösungsräume schaffen.

Fazit: Digitale Souveränität entsteht in der Umsetzung

Die ADV e-Government Konferenz 2026 zeigte eindrucksvoll, dass digitale Souveränität in der öffentlichen Verwaltung kein abstrakter Zukunftsbegriff mehr ist. Sie wird konkret in Cloud-Architekturen, KI-Plattformen, digitalen Identitäten, Wallets, Nachweisservices, Datenräumen, Beschaffungsmodellen, Sicherheitskonzepten, Fachverfahren und organisatorischen Transformationsprozessen.

Der entscheidende Punkt: Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu bauen. Sie bedeutet, Abhängigkeiten zu kennen, Alternativen zu schaffen, Standards zu nutzen, Daten kontrollierbar zu machen, Sicherheit mitzudenken und Technologie so einzusetzen, dass Verwaltung handlungsfähig bleibt.

Die Konferenz machte auch deutlich, dass viele Bausteine bereits vorhanden sind: ID Austria, EUDI Wallet, Business Wallet, dadeX, Once-Only-Anwendungen, LLMaaS, Public AI Initiative, moderne Serviceportale, digitale Fachverfahren, Open-Source-Ansätze, Multi-Cloud-Strategien und konkrete KI-Anwendungen in Ländern, Städten und Gemeinden.

Die eigentliche Aufgabe liegt nun darin, aus starken Einzelprojekten ein dauerhaft tragfähiges digitales Verwaltungssystem zu formen. Eines, das föderal anschlussfähig, europäisch interoperabel, sicher, nutzer:innenorientiert und souverän steuerbar ist.

Die ADV e-Government Konferenz 2026 hat gezeigt: Die Schienen für digitale Souveränität werden nicht irgendwann gelegt. Sie entstehen bereits jetzt – in Projekten, Plattformen, Standards, Kooperationen und in einer Verwaltung, die Digitalisierung als langfristige Gestaltungsaufgabe versteht.

ADV e-Government Konferenz 2026: Digitale Souveränität wird zur praktischen Gestaltungsaufgabe

Rückblick auf die ADV e-Government Konferenz 2026 im Congress Center Villach: digitale Souveränität, KI in der Verwaltung, Cloud, Daten, Identitäten, Once Only, Scan Cars und konkrete e-Government-Services.

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