Wo Neugier Gestaltungskraft entfaltet

26. Mai 2026 / Rebeka Lacarak

Mut bedeutet, neue Wege auszuprobieren, Interessen weiterzuentwickeln und Erfahrungen in Stärke zu übersetzen. Bei Anna Poledna wird Ausprobieren zum Antrieb. Aus Lernfreude verdichtet sich die Offenheit, immer wieder neues Terrain zu betreten, heute etwa in der Künstlichen Intelligenz.

Sie ist Business Development Managerin bei Klartext AI. Ihr Weg führte sie von der HTL über internationale MINT-Erfahrung und Biochemie in China bis in die Künstliche Intelligenz. Was sich durch all diese Stationen zieht, ist die Bereitschaft, Neues bewusst zuzulassen und immer wieder über sich hinauszuwachsen. Genau daraus entsteht auch ihr Verständnis von Erfolg: „Erfolg bedeutet für mich, heute mehr zu können als gestern. Mehr zu wagen, mehr zu lernen und mir selbst mehr zuzutrauen. Ich glaube nicht an makellose Aufstiegsgeschichten, sondern an Bewegung, Neugier und die Bereitschaft, Fehler zu riskieren.“

Wie konsequent Poledna diesem inneren Kompass folgt, zeigt ihr Werdegang: „Ich liebe Wachstum, vor allem dieses spezifische Gefühl am Anfang einer steilen Lernkurve, wenn jeder Tag spürbaren Fortschritt bringt. Deshalb habe ich meinen Weg immer wieder neu kalibriert: HTL in Österreich, ein halbes Jahr in der Mongolei, Biochemie in China, drei Jahre dort gelebt und heute Künstliche Intelligenz im Startup-Umfeld. Anstatt alles perfekt durchzuplanen, habe ich mich auf meine Intuition und meine Lust am Lernen verlassen. Ich gehe gerne mit offenen Augen durch die Welt und lasse mich täglich für neue Dinge begeistern.“

Vom Basketball zur Petrischale

Frauen als interdisziplinäre Wegtreiberinnen zu begreifen, heißt nicht, den Mythos der Superfrau fortzuschreiben. Es heißt, Kompetenzen anzuerkennen, die in der Technologie längst Schlüsselkompetenzen sind.

Daraus leitet Poledna einen klaren Anspruch an die Technologiebranche ab: „Technologie bleibt nur dann wertvoll, wenn Menschen dahinterstehen, die ihre gesellschaftlichen Auswirkungen mitdenken und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Interdisziplinarität ist für mich deshalb keine Zusatzqualifikation, sondern eine ethische Notwendigkeit. Technologie beeinflusst unser tägliches Leben heute oft unmittelbarer als Politik, gleichzeitig gibt es keine Volksabstimmung darüber, welche Algorithmen unsere Aufmerksamkeit lenken. Wer Technologie baut, muss daher mehr verstehen als Code. Es geht um Kontext, um Menschen, um Auswirkungen und um Standards, die man bereit ist zu verteidigen.“

Genau an dieser Schnittstelle aus Technologie, Verantwortung und gesellschaftlichem Verständnis verortet Poledna auch den Wert ihres wissenschaftlichen Hintergrunds: „Mein Biochemie Studium hat meine Arbeitsweise stark geprägt: komplexe Fragestellungen zu strukturieren, mit Unsicherheit umzugehen, Hypothesen zu formulieren, systematisch zu prüfen und Erkenntnisse laufend neu einzuordnen. Gerade im KI-Umfeld, in dem sich technologische Grundlagen, Anwendungsfelder und Rahmenbedingungen permanent weiterentwickeln, ist diese wissenschaftliche Denkweise extrem relevant.“

Dass Stärke über fachliches Wissen hinausgeht, zeigt sich bei Poledna auch im Sport. Basketball, Laufen, Klettern, Sportakrobatik, Alpinismus und ein gewonnener Marathon auf der Chinesischen Mauer haben ihr Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit geprägt. „Wenn man immer wieder an die eigenen Grenzen geht, entwickelt man ein Gefühl dafür, wie viel man leisten kann und dass man meistens mehr schafft, als man ursprünglich gedacht hätte.“

Frauen schulden keine Übermenschlichkeit

Wer Interdisziplinarität als Stärke anerkennt, muss auch die Bedingungen betrachten, unter denen Frauen diese Stärke zeigen und oft zugleich beweisen müssen. Poledna kennt diesen Druck aus eigener Erfahrung. Als einziges Mädchen in ihrer HTL-Klasse habe sie früh gespürt, wie schnell ein Fehler über die eigene Person hinaus Bedeutung bekommt: „Wenn du Teil einer Minderheit bist, hast du oft das Gefühl, dein gesamtes Geschlecht zu repräsentieren. Ein Fehler wird dann schnell nicht nur als persönlicher Fehler gelesen, sondern als Beweis dafür, dass Frauen das nicht können.“ Empowerment bedeutet für sie deshalb vor allem Vertrauen: „Menschen zu haben, die an dich glauben, auch wenn du Entscheidungen triffst, die vielleicht nicht risikoarm wirken. Menschen, die sagen: Mach’s. You can do it.“

Poledna verweist nicht nur darauf, dass Frauen sich oft stärker beweisen müssen, sondern auch darauf, dass kommunikative, empathische und beziehungsorientierte Arbeit zwar erwartet, aber selten als eigenständige Kompetenz anerkannt wird. Dabei tragen genau diese Fähigkeiten wesentlich dazu bei, ob Zusammenarbeit gelingt, Führung wirksam wird und technologische Entwicklung verantwortungsvoll bleibt. Umso wichtiger sei gegenseitige Unterstützung: „Gerade dort, wo Frauen noch immer unterrepräsentiert sind, wird Zusammenhalt zu einer Kraft, die Räume öffnet und individuelle Stärke kollektiv wirksam macht. Women support women ist für mich deshalb eine strategische Notwendigkeit.“

Für Poledna beginnt struktureller Wandel dort, wo Frauen auf Bühnen und in ihrer ganzen Vielfalt sichtbar werden. „Junge Mädchen müssen sehen können, dass Erfolg in der Technologie viele Formen hat und Frauen dafür keinen makellosen Ausnahmeweg vorweisen müssen. Der größte Irrtum ist die Überzeugung, nicht gut genug oder nicht der Typ dafür zu sein. Das ist ein Wahrnehmungsproblem, das durch vielfältige Repräsentation aufgebrochen werden kann: nicht nur durch Frauen in Top-Management-Positionen, sondern durch unterschiedliche Persönlichkeiten, die die Branche auf ihre eigene Weise prägen.“

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