Die Energiewende wird zur Steuerungsaufgabe

Warum Versorgungssicherheit künftig nicht nur von Netzen, Kraftwerken und Speichern abhängt, sondern von der Fähigkeit, ein dynamisches Energiesystem steuerbar zu halten

27. August 2026 / Gerald Tretter, BearingPoint GmbH

Die Transformation des Energiesystems ist in vollem Gange. Erneuerbare Erzeugung, dezentrale Einspeiser, Speicher, flexible Verbraucher und neue Marktmechanismen verändern nicht nur die physische Infrastruktur, sondern die Art und Weise, wie Energie geplant, verteilt und gesteuert wird. Was lange Zeit durch zentrale Erzeugungsstrukturen und vergleichsweise stabile Lastprofile geprägt war, entwickelt sich zunehmend zu einem dynamischen, hochvernetzten System mit einer Vielzahl von Akteuren, Datenquellen und Wechselwirkungen. Die Energiewende transformiert daher eine reine Infrastrukturaufgabe immer stärker zu einer Steuerungsaufgabe.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind bereits heute sichtbar: Redispatch-Maßnahmen nehmen zu, lokale Netzengpässe werden häufiger, Strompreise reagieren volatiler auf Wetter- und Marktereignisse und neue Flexibilitätsoptionen entstehen durch Speicher, Elektromobilität oder Energiegemeinschaften. Gleichzeitig liefern Smart Meter und digitale Plattformen immer mehr Transparenz über Verbrauchs- und Einspeisesituationen. Die entscheidende Frage lautet nun: Wie lassen sich die wachsenden Wechselwirkungen eines dynamischen Energiesystems wirksam koordinieren und steuern?

Transparenz schafft noch keine Handlungsfähigkeit

Viele Energieunternehmen haben in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen in Digitalisierung, Datenplattformen, Cloud-Technologien und Analysesysteme getätigt. Dadurch gewinnen sie ein immer besseres Verständnis über aktuelle Zustände und Entwicklungen im Netzbetrieb, in Märkten oder im Asset Management.

Doch Transparenz allein reicht nicht aus.

Daten zeigen, was geschieht. Sie beantworten jedoch nicht automatisch die Frage, welche Entscheidung daraus folgen sollte. Zwischen Information und Handlung liegen weitere Schritte: Informationen müssen bewertet, Verantwortlichkeiten geklärt, Handlungsoptionen priorisiert und Maßnahmen koordiniert umgesetzt werden. Erst wenn diese Elemente zusammenwirken, entsteht operative Steuerbarkeit.

Flexibilitäten schaffen Potenzial, Steuerbarkeit schafft Wirkung

Besonders deutlich wird dieser Wandel beim Thema Flexibilität.

Speicher, steuerbare Lasten, Demand Response, Elektromobilität oder dezentrale Erzeugung schaffen neue Möglichkeiten für Netzstabilität und Wirtschaftlichkeit. Ihre bloße Verfügbarkeit erzeugt jedoch noch keinen Mehrwert.

Entscheidend wird es sein, diese Flexibilitäten im richtigen Kontext zu bewerten und einzusetzen. Welche Option erzeugt den größten Nutzen? Welche technischen, regulatorischen oder wirtschaftlichen Restriktionen müssen berücksichtigt werden? Welche Auswirkungen entstehen in anderen Bereichen des Unternehmens oder des Energiesystems?

Je mehr Flexibilitäten verfügbar werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, unterschiedliche Optionen zu bewerten, Prioritäten zu setzen und Entscheidungen nachvollziehbar zu treffen. Flexibilität wird damit nicht nur zu einer Eigenschaft einzelner Technologien, sondern zu einer Qualität des gesamten Betriebsmodells.

Digitale Souveränität als Grundlage der Handlungsfähigkeit

Gleichzeitig steigt mit der Digitalisierung die Abhängigkeit von Plattformen, Cloud-Diensten, Datenmodellen und Softwarelösungen. Für Energieunternehmen stellt sich deshalb zunehmend die Frage, welche Prozesse für den sicheren und zuverlässigen Betrieb kritisch sind.

Digitale Souveränität bedeutet nicht, jede Technologie selbst zu entwickeln oder vollständig unabhängig von externen Partnern zu sein. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, die für den Betrieb relevanten digitalen Strukturen zu verstehen, zu gestalten und weiterentwickeln zu können.

Wer die eigenen Datenmodelle, Prozesslogiken oder Entscheidungsstrukturen nicht ausreichend versteht, wird Schwierigkeiten haben, neue regulatorische Anforderungen umzusetzen, Prozesse anzupassen oder auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren.

Digitale Souveränität wird damit zu einer wesentlichen Voraussetzung struktureller Resilienz. Sie schafft die Grundlage dafür, dass digitale Technologien Innovation ermöglichen, ohne dass Unternehmen die Kontrolle über kritische Betriebslogiken zu verlieren.

KI kann Komplexität beherrschbar machen

Künstliche Intelligenz wird in diesem Umfeld eine wichtige Rolle spielen. Sie kann Muster erkennen, Lastspitzen prognostizieren, Risiken identifizieren, Handlungsoptionen bewerten und operative Entscheidungen unterstützen.

Ihr eigentlicher Wert liegt jedoch nicht allein in der Automatisierung.

Je dynamischer und komplexer das Energiesystem wird, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Informationen mit Betriebswissen, Kontext und Entscheidungslogiken zu verbinden. Genau hier entsteht der Mehrwert einer Operational Intelligence, die Daten in handlungsrelevantes Wissen übersetzt und Entscheidungen nachvollziehbarer, schneller und fundierter macht.

Die nächste Entwicklungsstufe der Energiewirtschaft

Die Energiewende wird langfristig nicht allein davon abhängen, wie viel erneuerbare Erzeugung installiert wird oder wie viele Daten verfügbar sind. Sie wird davon abhängen, ob Energieunternehmen die Fähigkeit entwickeln, Transparenz, Verantwortung, Wissen, Entscheidungen und Umsetzung in einem gemeinsamen Betriebsmodell zu verbinden.

Versorgungssicherheit wird damit zunehmend auch zu einer Frage der operativen Steuerbarkeit.

Digitale Souveränität, Resilienz, Flexibilitäten und KI werden zu Bausteinen eines Betriebsmodells, das Unternehmen befähigt, ein zunehmend dynamisches Energiesystem wirksam zu verstehen, zu koordinieren und zu gestalten.

Die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre liegt daher nicht allein im Ausbau des Energiesystems, sondern in der Fähigkeit, dieses Energiesystem dauerhaft steuerbar zu halten.

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